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Dienstag, 5. Juni 2012

Noch 3 Tage


530 Kilometer, 3 Tage und ein paar Stunden trennen mich noch von dem Start in Biel vor dem Kongressgebäude. Dann werde ich für mich alleine unter inzwischen fast 1100 Mitläufer/innen auf den doch erlösenden Startschuss um 22:00 Uhr warten. Die fürsorglichen Nachfragen aus dem engsten Empathie-Zirkel häufen sich seit Tagen:

„Hast du gut geschlafen?“

„Wann läufst du nochmal vorher?“

„Wie geht es dir?“

„Hast du alles was du brauchst?“

„Freust du dich?“

„Kann ich mal vorbeikommen?“

Noch gebe ich meist recht zuversichtliche, positive Antworten. Aber ich spüre bereits seit Tagen eine zunehmende Lähmung und manchmal auch wachsende Zweifel. Unterbrochen werden diese Gefühle von plötzlicher spontaner Freude und es kaum erwarten können, endlich die 100km zu laufen, über die ich inzwischen so viel gelesen und gesehen habe.
Alleine das Läufervideo vom „Alpenkiwi“ jagt mir regelmäßig Schauer über den Rücken.

In fast jeder freien Minute drehen sich  meine Gedanken um diese Nacht, auf die ich mich sehr lange vorbereitet habe. Das Marathontraining für Berlin 2011 zählte bereits zu den wichtigen Meilensteinen in der Vorbereitungszeit für Biel 2012. Meinen Plan habe ich meist diszipliniert eingehalten. Ich habe aber auch viel über Mitmenschen lernen dürfen. Ich sehe mich als jemanden, der stets versucht die Leistung und den Spaß anderer an ihrem Hobby zu schätzen und zu würdigen. An jemanden Glauben heißt, ihn auf diese Art zu unterstützen. Ich möchte nicht all das zurückgezahlt bekommen, was ich glaube gegeben zu haben. Das wäre der falsche Grundsatz, die falsche Intention.
Trotzdem, ich hätte mich manchmal über ein noch so kleines Interesse gerade von diesen Menschen gefreut. Doch genau dieses Mitfühlen kam dann von anderen, bei denen ich nie damit gerechnet hätte. Danke dafür.

Von Christian Bischoff stammen die nachfolgenden Motivationssätze, die man sich sagen soll, falls es mal nicht so läuft, wie es soll. Er hat sie genutzt bei seinem Transalpine Run.

„Ich will es schaffen.
Ich muss es schaffen.
Ich kann es schaffen.
Ich werde es schaffen.“

Ich bin gespannt, wie oft ich in dieser Bieler-Nacht darauf zurückgreifen muss.

Freitag, 20. April 2012

Noch 7 Wochen


Die Zeit rast davon. Nur noch 49 Tage. Heute Abend in 7 Wochen um 22:00 gibt es kein Zurück mehr. Dann fällt der Startschuss für einen Lauf ins Dunkle, ins Ungewisse. Viele sagen, es ist ein Lauf zum eigenen ich. Bereitet mir das jetzt Angst oder Freude? Ich habe keine Ahnung was mich erwartet.
Andere, doch wesentlich kürzere Distanzen lassen sich noch irgendwie gestalten und halbwegs strukturieren. Aber bei diesen 100km habe ich manchmal das Gefühl die Grenzen des Vorstellbaren zu überschreiten. Ich  muss mich von meiner stets so wichtigen Planungshoheit, alles doch irgendwie im Griff haben zu wollen, verabschieden. Planung war gestern, jetzt muss improvisiert werden. Ich merke inzwischen immer deutlicher, dass mein Kopftheater den ganz großen Auftritt probt. Alle denkbaren Probleme und Hindernisse, die ich mir über Werner Sonntag‘s „Bieler Juni Nächte“ und noch mehr mit den sehr subjektiv geschriebenen Laufberichten von Aktiven der letzten Jahre angelesen habe, bieten jetzt das nötige Futter für alle möglichen Schreckensszenarien. Manchmal ist es doch ein Fehler alles zu genau wissen zu wollen. Aber all diese Erkenntnisse gibt mein Kopf nun nicht mehr her. Das ist unwiderruflich gespeichert und wird nun bewusst, vielmehr jedoch unkontrolliert, nicht von mir steuerbar an die große Leinwand geschmissen. 

Vor 2 Jahren waren die 100km von Biel für mich noch ein idyllischer Landschaftslauf aus den Augen von Reiner Fischbach (youtube - alpenkiwi-Video), komprimiert auf 9 Minuten und 51 Sekunden. Inzwischen ist diese Strecke für mich ein nicht enden wollender Tatort geworden.
Undurchsichtig, zweifelhaft, beängstigend, besorgniserregend. Kein Löschprogramm der Welt kann jetzt dem inneren Schweinehund die Fernbedienung aus seinen Klauen reißen. Damit muss ich jetzt leben. Der Eindruck wird immer intensiver, dass es um mich herum von Tag zu Tag einsamer wird. Ich wiederhole mich, ich weiss. Mein Wunsch und auch die Freude des Mitteilens verlagert sich  inzwischen dahingehend, diesem inneren Köder nur noch so wenig Leine wie möglich zu gewähren. Wo noch bis vor Wochen unzählige Berichte, Bücher, Laufzeitschriften und starkvergrößerte Ausdrucke der aktuellen Laufstrecke zugegeben ein wenig zu dominant unser Zuhause schmückten, kehrt inzwischen unaufhaltsam Normalität ein. Mein Alltag sehnt sich momentan mehr nach Abwechslung als nach Fokussierung und Eintönigkeit. Macht die "Bieler Nacht" depressiv? Ich bin mir sicher, dass diese Achterbahnfahrt auch wieder luftigere Höhen erklimmt. Es ist ein stetes auf und ab. Ende ungewiss... es bleibt spannend.